Das Ende der Welt

Seit Kolumbus wissen wir, hinter Punta de Orchilla geht die Reise weiter, auch wenn erst mal nicht viel mehr als Wasser kommt. Aber noch vor gut 2000 Jahren war an diesem äußersten Punkt El Hierros Schluss mit der damals bekannten Welt. Heute ist das kleine Kap der westlichste Punkt El Hierros, Spaniens und des politischen Europas.
Wenige Seefahrer der Antike und des Mittelalters wagten sich in diese Region, mussten sie doch annehmen, jederzeit dort von der Erdenscheibe abstürzen zu könne. Auch der Universalgelehrte Claudius Ptolemäus aus dem ägyptischen Alexandria ging davon aus, die Erde sei eine Scheibe, als er etwa 100 n. Chr. mathematisch den Nullmeridian (Längengrad Null) auf die westlichste Ecke El Hierros festlegte, die heute unter dem Namen Punta de Orchilla bekannt ist.
Das urtümliche, vulkanische Gebiet am Faro de Orchilla (Leuchtturm von Orchilla) ist komplett unbewohnt und nur über eine enge und kurvenreiche Straße zu erreichen. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man hier tatsächlich das Ende der Welt vermuten. Im Touristenzentrum von Valverde kann man sich sogar eine Urkunde ausstellen lassen, zum Beweis, am Ende der Welt gewesen zu sein.
Punta de Orchilla und der Leuchtturm haben inzwischen sogar Filmkarriere gemacht. In dem spanischen Kurzfilm „La Raya“ vom Regisseur Andrés Koppel wird der Kampf des Leuchtturmwärters gegen die Verlegung des Nullmeridians nach Greenwich geschildert. Der Wärter wollte gerne das Ende der Welt für sich beanspruchen, verlor den Kampf jedoch am Ende.

Auf dem Weg zum einzigen Nullmeridian

Als Erster entwarf Ptolemäus geografische Karten, in denen die Lage von Ländern und Orten anhand eines Systems aus Längen- und Breitengraden beschrieben wurde. Im Gegensatz zum ebenfalls erstmalig von Ptolemäus verwendeten natürlichen Referenzpunkt für die geografische Breite, dem Äquator, erfolgte die Festlegung der verschiedenen Nullmeridiane willkürlich. Der ptolemäische Längengrad Null ist auch als Ferro-Meridian bekannt. Der Name bezieht sich auf den früheren Namen der Insel Ferro. Eine hübsche Theorie über den Ursprung der Namensgebung führt diese auf das lateinische "fer 0" (dt: mache Null) zurück, also die Festlegung des Nullmeridians.
Auch nachdem Kolumbus 1492 bewiesen hatte, dass die Erde keine Scheibe war, hielt sich der sogenannte Ferro-Meridian noch eine ganz Zeit lang auf den Seekarten. Als Nullmeridian hatte einige Konkurrenz. Beinahe jedes europäische Land besaß seinen eigenen Nullmeridian, in der Regel die jeweilige Hauptstadt bzw. deren Sternwarte. Jedoch sind zahlreiche Navigations- und Landkarten noch vom 17. bis ins 19. Jahrhundert nach dem Ferro-Meridian ausgerichtet, wie auch die Landesvermessung von Deutschland, Österreich-Ungarn und weiteren Ländern.
Obwohl das Königreich Frankreich mit dem Pariser Meridian seinen eigenen Nullmeridian hatte, erhielt der Ferro-Meridian vor allem von Frankreich politische Unterstützung. Der französische König Louis XIII. schwor alle seine Geografen darauf ein, den Ferro-Meridian für ihre Karten zu nutzen. Weil der Ferro-Meridian nach damaliger Auffassung genau 20° Längengrade westlich des Pariser Meridian lag, erleichterte dies die Umrechnung der Karten erheblich. 1634 bestätigte ein Gelehrtenkongress der seefahrenden Nationen den Ferro-Nullmeridian.
Das endgültige Aus für den Ferro-Meridian kam 1884. Auf einer internationalen Konferenz wurde die Meridianebene der Londoner Sternwarte Greenwich als neuer und einzig verbindlicher Nullpunkt festgelegt. Zu den Verlierern der damaligen Abstimmung gehörten die Meridiane von Paris, den Azoren und der Beringstraße sowie der Ferro-Meridian.